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Artikel vom 07.12.2001:
Eine Liebe zum Beruf gemacht
Restaurator Erik Seidel verleiht Möbeln und Holzobjekten
wieder ihren alten Charme
Die Anschaffung eines neuen Möbels ist für viele
besonders in der Adventszeit Grund zur Freude. Doch es gibt
Leute, die bevorzugen eher ein altes, antikes Stück.
Greifswald
(OZ) Der Damen-Schreibtisch, klein und zierlich, mit einer
heute eher unüblichen Bekrönung fällt vor dem
Büro sofort ins Auge. „Jugendstil“, verrät
Erik Seidel, streicht liebevoll über das schöne
Stück und erklärt nach fragendem Blick: „So
um Neunzehnhundert.“ Etwa aus derselben Zeit stamme
ein weiteres Prachtexemplar. „Diesen Vitrinenschrank
kaufte ich von einem Besitzer nahe Bützow“, berichtet
der Chef der Restaurierungs- & Konservierungswerkstatt
für Möbel und Holzobjekte (Reskon) und lacht kurz
auf: „Der wiederum hat es aus Frankreich und jener von
einem Belgier.“ Damit nicht genug: Erik Seidel fand
Worte in rumänischer Schrift, Klebeetiketten aus Ungarn
und ist sich ziemlich sicher, dass der originelle Schrank
mit facettgeschliffenem Spiegel „einst in Wien gefertigt
wurde“. Solchen verschlungenen Wegen und Geheimnissen
eines alten Möbelstückes kann man als Restaurator
auf die Schliche kommen. . .
Wenn der 31-Jährige erzählt, spricht aus ihm die
pure Liebe zu seinem Handwerk. Ein Handwerk, das als Hobby
begann. Mit 16 Lenzen durchstöberte der Greifswalder
Abrisshäuser auf der Suche nach hölzernen Zeugen
der Vergangenheit. „Da fand ich zum Beispiel mal einen
alten Dielenschrank, total vom Wurm zerfressen. Und es machte
einfach Spaß, das Ding wieder aufzupäppeln“,
erinnert sich der junge Mann, der seine erste kleine Werkstatt
unterm Dach des Elternhauses einrichtete. Schließlich
absolvierte er eine kombinierte Bootsbauer-/ Tischlerlehre
und hatte seinen Gesellenbrief gerade rechtzeitig in der Tasche
– nämlich zur Wendezeit. Erik Seidel wanderte nach
Flensburg zu einer Werft, kehrte wieder heim, arbeitete als
Tischler. Doch das alles war's noch nicht. „Ich bewarb
mich um einen Praktikumsplatz beim Restaurator in Bayern und
hatte Glück“, denkt er zurück. Diese zwei
Jahre waren Voraussetzung für ein drei Jahre dauerndes
Studium am Goering-Institut München zum „staatlich
geprüften Restaurator für Möbel und Holzobjekte“.
Erik Seidel ist damit nun der einzige in unserer Stadt, der
sich so nennen darf. Die fünf Jahre fern der Heimat sollten
sich auszahlen: Der Restaurator bekam die Chance einer Förderung,
hatte ein Jahr Zeit, um sich auf seine Existenzgründung
vorzubereiten. Am 1. August 2000 war es dann soweit; Erik
Seidel gründete in der Marienstraße seine Ein-Mann-Werkstatt
(www.reskon.de).
Ein Blick dort hinein verrät: Erik Seidel ist ein Ordnungsliebhaber!
„Muss ich auch“, rechtfertigt er sich schmunzelnd,
„denn wenn ich zum Beispiel die Polituren verwechsele,
gäbe es eine schöne Bescherung“, verdeutlicht
der Fachmann und zeigt auf unzählige Fläschchen.
Die stehen sauber beschriftet in Reih und Glied auf Regalbrettern
im Polierraum. Hier herrscht nicht nur Ordnung; hier herrscht
perfekte Sauberkeit und ein besonderes Klima. Anders nebenan
– im Bankraum. Wo gehobelt wird, fallen Späne,
heißt treffend ein Sprichwort. Das ist okay in diesen
vier Wänden, die außerdem verraten, dass Erik Seidel
emsiger Hobel-Sammler ist. „Fünfzig hab ich schon“,
meint er triumphierend. Aber nicht aus purer Sammelleidenschaft.
„Die alten Dinger sind bei vielen Profilen unerlässlich“,
sagt er und deutet auf ein Schränkchen aus der Biedermeier-Zeit,
das sein Mitarbeiter Stephan Engel gerade restauriert. Aber
was eigentlich heißt Restaurieren? „Das Original
unter Beibehaltung charakteristischer Altersspuren wiedererlebbar
machen“, definiert der Handwerker und führt Beispiele
an: „Wir entfernen entstellende Veränderungen wie
Farbabstriche oder Umbauten, ergänzen Furniere, rekonstruieren
Profile, machen Laufleisten an Schubladen wieder funktionstüchtig,
und zwar mit Altholz“, beschreibt er stichpunktartig
einige Arbeiten eines Restaurators. Und Konservieren? „Bedeutet
nichts anderes, als dass man den Zustand, den man vorfindet,
haltbar macht“, erklärt Erik Seidel. Vielleicht,
so hofft der Unternehmer, kann er in Zukunft auch mehr denn
je nicht nur an Möbeln, sondern auch an anderen Holzobjekten,
Baudenkmälern und historischem Schiffsinterieur seine
Handschrift hinterlassen. Besser gesagt: Die Handschrift seines
Erschaffers wieder deutlicher erkennbar machen. Altes ist
eben durch nichts zu ersetzen. Schon gar nicht mit Neuem.
PETRA HASE
Quelle: Ostseezeitung
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